sickgirl

Die Goldene Stadt

Januar 21st, 2009

[current music: Lapko - young desire]

Ich dachte einmal, dass egal, wo man mich aussetzt, wohin ich auch fahre, ich würde mich überall einleben, mich mit allem arrangieren, alles irgendwie mehr oder weniger großartig finden. So war es zumindest bisher. In Prag aber war es anders. Selten habe ich die Abreise aus einem Urlaub so herbei gesehnt.
Prag ist eine Stadt, in der die Hälfte aller Menschen Pelze tragen, und in der U-Bahn zieht es so sehr, dass man glaubt, wegzufliegen und am nächsten Tag mit Hals- und Rückenschmerzen aufwacht.
Die Rolltreppen fahren so schnell, dass man bei einem plötzlichen Notstopp der Treppe, zwei Meter weit fliegt.
In Prag hat man keinen Musikgeschmack. Heute noch laufen die 80er- und 90er-Jahre-Hits auf jeder Party und in jeder Kneipe. Madonnas Like a virgin habe ich an fünf Tagen vier Mal gehört. In sogenannten Rockclubs spielen nur Coverbands. Musikgruppen wie Deep Purple, Led Zeppelin und Guns N’ Roses werden dort imitiert und die Prager Jugend kann sich vor Begeisterung kaum halten. Ansonsten tanzen gestandene Männer engagiert zu Macarena, DJ Bobo und MC Hammer und alle brechen in Gejubel aus, wenn aus den Boxen Modern Talking, Michael Jackson oder die Spice Girls dröhnen. Tanzende lieben es außerdem, ihre Gläser und Flaschen auf die Tanzfläche zu schmeißen, denn Pfand gibt es keinen.
In Prag lassen sich die öffentlichen Toiletten selten verschließen und meistens sind sie ziemlich dreckig. Selbst am Flughafen. Und immer, wenn man etwas kaufen will, wird man wie ein potenzieller Trickdieb behandelt.
Das Teewasser ist in Prag auch ohne Teebeutel schon braun, die Putzfrauen putzen nicht wirklich, der Hotelbedienstete reißt einem beim Essen noch den Frühstücksteller weg und das was einem beim Frühstück als Kaffee angeboten wird, ist, glaube ich, kein Kaffee.
Nach schon drei Tagen war uns eigentlich klar, dass zwei Tage Urlaub auch gereicht hätten. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten haben wir uns recht schnell angeschaut, und dann wussten wir nicht mehr, wohin mit der Zeit. Es macht ja auch keinen Spaß bei -12°C oder kälter die Gegend zu erkunden. Im Frühling wäre es sicher angenehmer gewesen; auch wenn das nichts an den musikalischen, hygienischen und diversen anderen Missständen geändert hätte. Ich würde ja schon gerne verstehen, weshalb alle so begeistert sind von der Goldenen Stadt.

12 Responses to “Die Goldene Stadt”

  1. Martin Says:

    Ich glaub du warst einfach zur falschen Zeit in Prag. Welche Stadt mach bei -12 Grad noch Spaß?

    Das Flair, die Karlsbrücke und die kleinen Gassen machen es für mich zum Paris des Ostens..

    Hiere ein kleines Bild, was ich dort geschossen habe:

    http://cdn.fotocommunity.com/photos/7090021.jpg

  2. void Says:

    Ach komm, ich war da vor vielen, vielen Jahren mal, so ca. 2001 und so schlimm ist es nicht. Die Stadt hat durchaus was und das Argument mit dem Musikgeschmack ist ja im Grunde keins.
    Ich war letztes Jahr in Moskau. Fahr da mal hin, das ist wesentlich schlimmer. Oder wie ‘Bohren und der Club of Gore’ gerne mal auf der Bühne sagen: “Das nächste Stück widmen wir der Stadt Moskau, in der wir letzte Woche gespielt haben. Es heißt ‘Constant Fear’.”
    Auch zu empfehlen: Bratislava.

  3. Doreen Says:

    Martin:
    Oslo ist auch bei -12°C super ;)

    void:
    Die Architektur in Prag ist ganz nett, aber sonst hat’s mich nicht begeistert. Und von Architektur und Museen hab ich seit der Uni-Exkursion nach Wien sowieso genug.
    Eigentlich wollte ich immer mal nach Russland, aber das verschiebe ich erstmal auf unbestimmte Zeit ;)

  4. peryton Says:

    prag? da wollte ich doch sowieso nicht hin; jetzt eh nicht mehr, nach deiner ausdrücklichen vermeidungsempfehlung

    … ja, neben deiner ausgeprägten egomanie hast du schwer was nihilistisches, doreen; seeehr sympatisch

    wer, wenn nicht du, verdiente den (hiermit verliehenen) ehrentitel “die weibliche thomas bernhard der fernreisen”?

  5. boXed Says:

    Wir sind zwar unglücklich in unserem Unglück, wären aber noch unglücklicher, verlören wir es über Nacht. Dies belegt, dass wir im Grunde garnicht unglücklich sind, sondern glücklich durch und mit unserem Unglück. Der Gedanke, aus irgendeinem Grunde dieses Unglück zu verlieren und uns daran nicht mehr erfreuen zu können, macht uns Angst.

  6. Alexander Says:

    Die Rolltreppengeschwindigkeit habe ich eher auf der positiven Seite verbucht, habe allerdings auch keinen plötzlichen Notstopp erlebt. Musikgeschmacklosigkeit — d’accord. Ansonsten habe ich die Versuche, bei jeder Kleinigkeit die doofen Touristen hereinzulegen, am Ende als unangenehm empfunden: Über jede falsche Rechnung debattieren zu müssen, nimmt das Vergnügen.

  7. Thierry Says:

    Oh, und ich dachte schon ich waere der Einzige, der Prag hasst und nicht einsehen will wie toll die Stadt doch ist. Ich war im Sommer dort, bei 30 Grad. Aber im Grunde wars genau die selbe Erfahrung. Ausser, dass ich auch im Restaurant von Kellnern belaestigt wurde, denen ich angeblich viel zu wenig Trinkgeld gab.

  8. SaufenKotzen Says:

    Schöne stimmungsvolle Fotos!

  9. Michel Says:

    Eindeutig zur falschen Jahreszeit dort gewesen und falsche Läden erwischt. Hotel Carol ist absolute spitze und bezahlbar. Gutes essen gibts im Club architektú oder in kleineren Läden abseits der Haupttouristenstraßen.

    Sowas kann in jedem Urlaub passieren und hat mit Prag an sich meiner Meinung nach nichts zu tun.

  10. Owney Hande Says:

    Noch nie habe ich jemanden erlebt, der Prag soooo schrecklich fand wie Du.

    1. wirklich, eindeutig die falsche Jahreszeit!

    2. Nimm Dir das nächste Mal jemanden mit der Prag schon kennt. Er wird Dir Prag von einer Seite zeigen, die Du im positiven Sinne nie wieder vergessen wirst.

    3. Es ist eben Osteuropa. Dort ticken die Uhren noch etwas anders. ;O)

    In diesem Sinne, auf ein zweites Mal Prag.

  11. Atomaffe Says:

    Kann ich nicht bestätigen, ich war vor etwa 2 Jahren in Prag und habe dort eigentlich eine lebendige Musikkultur mit echt coolen Läden gefunden. Ich hatte aber auch einen guten Führer.

  12. Inette Says:

    Essen und Trinken fand ich nicht so schlecht, ich hatte aber auch einen Nativetschechen als Begleitung. Musik kann ich bestätigen. Aber am schlimmsten fand ich, dass die Leute so schlecht drauf sind, so unfreundlich. Und viele viele Alkis! Budapest ist da netter.

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