sickgirl

am Tage hier, und nachts dort

Juni 25th, 2008

[current music: Converge - fault and fracture]

Irgendwer meinte, seit ich wieder hier bin, sei ich so gelöst, entspannt, ausgelassen. Das passende Wort fiel ihm nicht ein. Aber ich glaube, Recht hat er. Da hat sich was getan. Da oben war es anders. Da war ich alleine und alle, die ich kennenlernte, waren neu. Niemand verhielt sich komisch, weil ich irgendetwas mit irgendwem unternommen habe. Niemand blieb wach bis ich nach Hause kam. Niemand fragte nach. Und vor allem machte mir niemand ein schlechtes Gewissen.
Ich schrieb einmal in mein Tagebuch, das ich vor lauter Gelassenheit irgendwo liegenließ, dass ich es nicht mag, von Menschen zu träumen, die ich wahrscheinlich nie wieder sehen werde, von Orten, an die ich so schnell nicht zurückkehren werde. Gerade wäre ich froh, wenn diese Träume noch da wären. Dann wäre es doch ein bisschen heimischer. Dann kann ich am Tage hier und nachts dort sein.
Vielleicht ist das nur wieder mein Hang zu paranoidem Gedankengut. Es wartet niemand auf mich, es interessiert auch nicht, was ich tue und wie ich es tue. Vielleicht tritt das ein, wovor ich mich gerade am meisten fürchte: Mich fühlen, wie ich mich fühlte bevor ich ohne euch war.
Manchmal glaube ich, die Stadt ist zu klein, um hier glücklich zu sein. Hier passt man zu sehr aufeinander auf. Irgendwie ist das gerade nichts für mich. Und früher fand ich es sogar ganz gut, immer jemand Bekanntes zu sehen sobald man unterwegs war.

here today, gone tomorrow

Juni 2nd, 2008

[current music: Silverstein – always and never]

Es ist ein leichtes, hier alles schlecht zu reden. Das Flusswasser ist unglaublich braun. Selbst wenn’s hier Quallen gäbe, könnte man sie nicht sehen. Außerdem kriegt man kaum Luft, so schwül ist es. Aber das ist mir schon früher aufgefallen: In Marburg steht die Luft. Und kaum ist man ein paar Meter mit schwerem Rucksack und Rollkoffer unsanft hinter sich herziehend gelaufen, spricht einen auch schon ein grinsender Hippie an:
Er so (Vorher auf den Pflastersteinen im Schneidersitz sitzend, steht auf und kommt auf mich zu, um sich mir in den Weg zu stellen.): Hey!
Ich so: Hei!
Er so (Erwartungsvoll schauend.): Hey!
Ich so (Völlig irritiert und in Gedanken fluchend, wieso ich mir keine Gesichter merken kann und wie es möglich sein kann, dass man nach zehn Monaten, Menschen vergisst.): Hm. Ja. Hallo. Kennen wir uns?
Er so: Warum?
Ich so (Mich fragend, ob er mir eventuell Drogen verkaufen will.): Äh, weil du mich angesprochen hast…
Er so: Und? Wollen wir ein Brötchen essen gehen?
Ich so: Nein?
Er so: Oder gemütlich Kaffee trinken. Zu Dir oder zu mir?
Ich so: Ich bin gerade erst in Marburg angekommen.
Er so: Wo kommst du her?
Ich so (Zögernd, weil ich nicht weiß, was ich antworten soll.): Aus…, aus…
Er so: Ach, ist auch egal.
Ich so: Aus Magdeburg halt.
Er so: Zu Dir oder zu mir?
Ich so: Nein. (Setze mich wieder in Bewegung.)
Anschließend kämpfte ich mich den Berg zu meiner ehemaligen WG hoch und machte mir Selbstvorwürfe wegen meines Outfits. Ich sehe aber auch aus wie ein Hippie. Aber das war das einzig Sommerliche, was ich in und zwischen den hundert Kartons (die völlig durcheinander gepackt sind und alles von Buch über Uni-Aufzeichnungen, Kochtopf und Klamotten enthalten) und Möbelstücken, gefunden habe.