der einsame Konzertbesucher
November 17th, 2007[current music: Heroes & Zeros - the argument]
Wer geht schon gerne alleine weg. Auf Konzerte oder ins Kino oder in die Disco. Kino geht ja noch, da wird ja normalerweise sowieso nur eingeschränkt kommuniziert. Disco mag auch noch gehen, wenn man ein Mensch ist, der auch alleine gern tanzt und nicht immer jemanden braucht, den er ansingen oder -tanzen kann. Kommunikation ist dort eh eingeschränkt, weil laute Musik. Aber alleine auf ein Konzert gehen? Das kann nicht gut gehen. Wenn das Konzert erstmal begonnen hat, ist alles in Ordnung und man kann sich auf die Musik konzentrieren. Wenn das Konzert vorbei ist, kann man schnell nach Hause oder zur Bahn laufen. Aber was ist in der Stunde vor dem Konzert? Man sagte mir: Einfach cool in eine Ecke stellen und Bier trinken.
Was ich mich gleich fragte, war, ob das denn so cool ausschaut alleine mit einem Bier in der Ecke. Scheinbar nicht, denn nach einer Stunde rumstehen, sinnlose SMS verfassen und den Weg zur Toilette aus einer Mischung aus Norwegisch und Englisch erklären, wird man von zwei älteren Norwegern aufgefordert, sich an ihren Tisch zu setzen.
Der jüngere von beiden, der aber älter aussah als der Andere, machte gleich einen Witz. Er meinte, sie sind aus der psychiatrischen Klinik in Oslo und haben Ausgang. Da man als unbedarfter Konzertbesucher, der nichts weiter wollte als cool in der Ecke stehen, Bier trinken und irgendwann Musik hören, nicht gleich versteht, dass es sich um einen Witz handelt, versetzt einen diese Aussage doch erst einmal in helle Begeisterung, denn man mag ja Psychiatrien und auf einmal wurden die beiden Herren sympathisch. Allerdings haben sie dann gleich auch wieder eingeräumt, dass dies ein Witz war – noch bevor der einsame Konzertbesucher fragen konnte, wo denn hier die psychiatrische Anstalt in Oslo ist und Krankheitsanzeichen zu ergründen versuchen konnte.
Der Rest der Unterhaltung war eher einseitig. Es drehte sich lediglich um Adolf Hitler, Knut Hamsun, Joseph Haydn, Frank Zappa und Oberlippenbärte. Dabei holte der jüngere Mann, der älter aussah, auch seinen Führerschein heraus und präsentierte ein Foto, welches aussah als sei es im Dritten Reich entstanden und er ein Anhänger Hitlers.
Außerdem spielten sie das lustige Rate-Mal-Mein-Alter-Spiel, was manchmal sehr verhängnisvoll und peinlich sein kann. So wurde der einsame Konzertbesucher aufgefordert, das Alter des Hitler-Doubles zu erraten. In Gedanken schätzte er 40, sagte dann aber lieber um die 30. 32 hat gestimmt. Das Alter des einsamen Konzertbesuchers wurde wie immer fünf Jahre zu jung geschätzt, aber damit kann auch er mittlerweile leben.
Der einsame Konzertbesucher ließ sich noch ein teures Bier aufdrängen, obwohl ihm ohnehin schon schwindlig war, und stürmte bei Konzertbeginn direkt zur Bühne und sah die Herren dann den Rest des Abends nicht mehr.
wieder ordentlich
November 13th, 2007[current music: Blur - out of time]
Ab heute bin ich wieder ein ordentlicher Mensch. Nichts mehr mit betrunken auf dem Boden liegen und Die kleine weiße Friedenstaube singen, die russische Nationalhymne bei offenem Fenster und russischer Zimmernachbarin mit deutschem Text begröhlen und es wird auch nicht mehr mit schwarzem Kapuzenpullover und Pali-Tuch zu Liedern von Oktoberklub, Tocotronic, Morrissey und Hannes Wader gebrüllt. Auch werde ich bestimmt nicht mehr forcieren, dass meine Gäste die leere Chips-Schale aufsetzen. Das hat jetzt ein Ende und alleine macht das eh nicht soviel Sinn. Lustig war es trotzdem.
Und wenn man wieder alleine und ordentlich ist, dann ist es doch alles gar nicht mehr so einfach irgendwie.




… and now you’re back here at Monday
November 5th, 2007[current music: The Killers - for reasons unknown]
why live in the world when you can live in your head?
Man könnte sich jede Wimpern einzeln ausreißen. Und sich dann ganz viel wünschen. Jede Wimper, ein Wunsch. Aber das hilft ja meistens auch nicht.
Manchmal frage ich mich, was die Leute wohl denken, wenn sie so durch die Straßen gehen, auf einem Turm stehen oder in der Bahn sitzen. Ob sie sich auch überlegen, wie es wäre, wenn man in die Tiefe fällt, wenn jemand einen hinunterstößt. Wie es wäre, wenn jetzt die Lampe herunterstürzt, die Bahn entgleist, die Frau einen anspricht, das Kind einem Bonbons anbietet oder der alte Mann mit dem Fahrrad umkippt. Ich weiß nicht, ob es gut ist, sich über Dinge Gedanken zu machen, die womöglich nicht eintreten werden. Und es verunsichert mich ungemein, wenn fremde Menschen mich anlächeln. Vielleicht habe ich sie zu lange angeschaut oder zu oft. Oder sie wissen, was ich denke.





