sickgirl

made out of stone

August 26th, 2007

[current music: Ash - lose control]

Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen. Einfach weil ich am Flughafen nicht weinen musste. Weil ich nur am ersten Tag in Oslo, mit schwerem Koffer hinter mir herziehend auf die Straßenbahn wartend, sofort wieder nach Hause wollte, hier alles gehasst habe. Weil ich am zweiten Tag nur noch ein bisschen vermisst habe. Und jetzt nicht mehr. Weil ich hier innerlich ganz ruhig bin, beruhigt bin.
Vielleicht gibt es hier zuviel Neues, vieles das ablenkt, worüber man sich Gedanken macht. So dass man nicht dazu kommt an Daheim zu denken. Und das Neue ist interessant und/oder schön, so dass man gar nicht daran denken mag, was man jetzt woanders machen würde oder was die Anderen ganz weit im Süden wohl gerade machen.
Manchmal denke ich, dass ich mir aus nichts so wirklich etwas mache. Ich kann den Ikea-Katalog nicht durchblättern und mich über dies und jenes freuen. Es ist alles schön bunt, aber kaufen möchte ich es mir auch nicht. Ich habe nicht einmal ein richtiges Lieblingsessen. Es gibt nur ein paar Dinge, von denen ich besessen bin. Und viele von denen ich es war.
Manchmal denke ich, dass ich mir aus nichts so wirklich etwas mache. Ich mache mir aus Nichts etwas. Womit wir wieder bei der philosophischen Frage des Abends wären, über die ich an dem Abend damals nachzudenken keine wirkliche Lust hatte und die da irgendwie lautete: Nichts ist nichts und Alles ist alles, aber muss Nichts dann auch ein Teil von Allem sein?

Gressholmen und die Hasen

August 25th, 2007

[current music: Truls and the Trees - upside journey]

Ein bisschen anders hatte ich mir das schon vorgestellt, das mit den Hasen und der Insel. Gut, dass man uns vorwarnte, dass man uns sagte, es gibt keine Hasen mehr auf Gressholmen. Es sitzen nicht mehr hundert Hasen auf den Wiesen, sind zahm und erwarten einen schon, wenn man von der Fähre steigt. Warum es keine Hasen mehr gibt, weiß ich nicht genau. Die Spekulationen reichen von Erschießen über Pest bis Krankheit. Die Insel ist trotzdem schön mit ihrem Naturschutzgebiet, den Vögeln, Schmetterlingen und erholt aussehenden und freundlichen Bediensteten am Kiosk mit der tollen Musik.

Übrigens: Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass Alkohol in Norwegen das Teuerste ist. Es gibt da etwas, was im Vergleich zu Bier viel teurer ist – Kopien bzw. Reader. Also aus Bücher zusammenkopierte Texte. Da kann man schon mal um die 120 Euro ausgeben, wenn man drei Reader kauft.

it’s forever

August 22nd, 2007

[current music: My Midnight Creeps - don't let 'em bring you down]

Ein kleines Intermezzo: Ich möchte aus aktuellem Anlass über das Verhältnis von Männern und Blumen im Zusammenhang mit Frauen berichten bevor es weitere Geschichten aus dem schönen Norden gibt. Wobei ich einräumen muss, dass sich zwei der folgenden Begebenheiten durchaus hier ereignet haben und das auch noch an einem einzigen Tag.
Ich mache mir nicht viel aus Blumen, besonders aus Blumen in der Vase, obwohl sie ein Zimmer optisch natürlich schon aufwerten können. Ein Zimmer wie meine alte WG-Küche in Marburg. Ansonsten finde ich Blumen, die noch eine Wurzel haben, die fest im Boden verankert ist, doch schöner.
Ich erinnere mich da an eine Begebenheit, die ich womöglich längst verdrängt hätte, würde ich nicht ab und an daran erinnert werden. Ich erinnere mich an Sommer, Frankfurt, eine große Gruppe internetabhängiger Menschen, von denen einer auf die grandiose Idee kam, eine Rose, welche zugegebenermaßen noch ziemlich gut aussah, aus einem Mülleimer zu fischen und mir anzubieten. Die Freude war groß und ich lehnte ab.
Aber sehr schön war dann doch der Auftritt des Herren, den ich nach langer Zeit wiedersah. Er wühlte in seiner Hosentasche und eine gelb-orangefarbene Plastik-Blüte mit einem Stiel von einem Zentimeter Länge kam zum Vorschein. Er hielt sie mir entgegen. Ich war verwirrt und nahm die Plasteerscheinung an. Fast entschuldigend fügte er hinzu: it’s forever. Das war dann schon ein bisschen romantisch.
Oder der kleingewachsene Spanier, der mir mit zwei Rosen entgegen kam, die freilich nicht für mich gedacht waren und die auch schon aussahen als hätten sie einen heißen Tag ohne Wasser hinter sich. Aufgrund großer Differenzen auf sprachlicher Ebene und seinen nervösen Gestiken, als er mir zu erklären versuchte here you can also hear und dabei völlig irritiert war wegen der gleichklingenenden Worte, so dass er seine Hände samt den Rosen hin- und herschleuderte, verabschiedete sich irgendwann eine Rosenblüte von ihrem Stiel und flog auf den Asphalt. Die Blumen waren also nicht forever.

upside journey

August 19th, 2007

[current music: Washington - have you ever]

Wir sind durch Straßen gelaufen, die wunderschön waren, wie ausgestorben, alles ruhig und leer – bis auf die hässlich lachenden Möwen. Der Himmel war rot und ich habe mich gefragt, geht die Sonne auf oder immer noch unter. Schon viele Stunden vorher, auf dem Konzert, habe ich beschlossen, hierzubleiben. Und am Vormittag beim Schlafen, beim Träumen, da gingen wir wieder dort entlang, an den schönen Häusern. Und gerade als ich erneut beschlossen hatte, hierzubleiben, und wir einen See auf einem Steg überquerten, fiel ich hinein.
Etwas später im Taxi fragte ich mich, wieso der Fahrer so oft in seinen Innenspiegel schaut und mich an. Dann fiel mir das mit Eyeliner gemalte Spermium auf meiner Wange ein, das eigentlich ein Mikrofon darstellen sollte. Mir fiel ein, dass sie jedem etwas auf die Wange malte. Herzen, Sterne, Kreuze, Anker und Cashewkerne.
Es war nicht die vernünftigste Entscheidung noch einmal ins Stadtzentrum zu fahren, besonders mit dem Wissen, dass wir womöglich nicht mehr zurückkommen werden, zumindest nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber es war eine gute Entscheidung.
Kommen wir mit dem Bändchen, auf dem das tanzende Schwein mit der Flagge ist, hier kostenlos rein? Nein. Schade. Ach, na gibt es dann eine Gästeliste? Nein. Nein? Aber es muss eine geben, denn ich stehe da drauf. Sie ist gereizt und kommt mit der Gästeliste wieder, wir bekommen unser Bändchen, kaufen Chips und kehren erst wieder zum zweiten Konzert zurück.
Über das eigene Alter denkt man wenig nach, drum vergisst man es schnell. Schon wieder bin ich einige Tage lang der Überzeugung gewesen, dass ich nächstes Jahr 24 und nicht 25 Jahre alt werde. Ich bin verwirrt.

Sonnenuntergang in Oslo

August 17th, 2007

det norske studentersamfund

August 16th, 2007

[current music: Boysetsfire - after the eulogy]

Seitdem ich dieses Armband vom Norwegischen Studentenbund trage, mache ich mir Sorgen, dass ich irgendwo reingeraten bin, wo ich nicht reinwollte und alles nur, damit ich auf bestimmten Veranstaltungen und in bestimmten Lokalen weniger Eintritt bezahlen muss und das Bier billiger ist. Vielleicht bin ich etwas vorbelastet durch Marburg mit all seinen Studentenverbindungen und Burschenschaften. Aber in Marburg gehen bestimmt auch arme Erstsemester den Verbindungsleuten auf den Leim, wenn sie unglaublich billige Zimmer anbieten und schon mit einem Bierkrug im Arm die Tür öffnen. Hoffentlich ist das hier anders. Aber das Wappen bzw. die Tatsache, dass es eines gibt, macht mich ja schon stutzig; allerdings zeigt es ein tanzendes Schwein (sic!) mit einer Fahne… also vielleicht wirklich alles ganz harmlos.


Heute mal gute Laune.

welcome ceremony

August 14th, 2007

[current music: Refused - the slayer]

Manchmal denke ich wirklich, ich bin verwirrter als Andere. Irgendwie wissen alle mehr als ich, sind auf dem Laufenden und kennen sich super aus, während ich diesen komischen grauen Studienausweis nicht besitze, an falschen Rezeptionen rumlungere, mich verlaufe, total übermüdet bin oder mit einer einzigen unvorsichtigen Aktion meine EC-Karte und meine Laundry-Karte (die braucht man im Wohnheim zum Wäsche waschen), welche ich gerade mal seit Mittwoch besitze, vernichte. Eigentlich alles fast wie immer, aber so etwas wie heute werde ich wohl nicht noch einmal erleben: die Welcome Ceremony der Universität Oslo. An der Karl-Johans-Gate (zentrale Einkaufsstraße in Oslo) vor dem prunkvollen Institut der Juristen, geschmückt mit Blumenkübeln, mussten sämtliche neue Studenten in Fünfer-Reihen vor dem Institut aufmarschieren, während das University Symphony Orchestra und diverse Chöre Edvard Grieg, Carl Orff und die norwegische Nationalhymne intonierten und wichtige Leute in seltsamen Roben der Universität Reden – großteils auf norwegisch – halten.
Ansonsten verfalle ich in alte Verhaltensweisen: ungesunde Ernährung, mein Zimmer wird zum Sammellager von Pfandflaschen, Schlafen halte ich für überbewertet, Hausarbeit schreiben macht Spaß, Abwaschen nicht, der Fußboden klebt und ist übersäht mit Steinen und Krümeln.
Ich hoffe wirklich, dass ich es trotz aller Unkoordiniertheit schaffe, mich für Kurse anzumelden, diese Kurse auch finde und nix Lebenswichtiges vergesse zu erledigen.

Houston, we have a problem

August 11th, 2007

[current music: Beezewax - your new town]

Ich glaube, jetzt habe ich mich so langsam eingelebt: Fruchtfliegen im Zimmer, kleine Steine im Bett (wie auch immer die da reinkommen), Kekskrümel auf dem Fußboden und alles voll Kabel, Klamotten und Dokumente.
Irgendwas ist hier anders oder ich bin einfach nur Internetsüchtig, aber in Deutschland wäre ich nie auf die Idee gekommen, den ganzen Tag damit zuzubringen hin- und herzufahren, andere Menschen zu belästigen, mich zu verlaufen und die Studentenwohnheimrezeption zu ärgern, nur um einen Internetzugang zu bekommen. Aber nun funktioniert auch das und ich bin hochzufrieden. Wahrscheinlich gehöre ich damit zu den zehn deutschen Studenten, die dafür gesorgt haben, dass die Rezeption in Zukunft nicht mehr so gut auf das Thema Internet zu sprechen sein wird.


Am Sognsvann.

take the long road and walk it

August 9th, 2007

[current music: Röyksopp - circuit breaker]

Alleine und ziellos durch Straßen laufen, durch die man bereits vor einem halben Jahr und vor einem Jahr schon einmal lief – nur damals eben nicht alleine – ist seltsam. Ich glaube, ich war noch nie so allein. In jeder Schule und Universität, die ich neu besuchte, kannte ich bereits Leute. In jeden Urlaub, in den ich fuhr, fuhr ich mit Begleitung. In jede Stadt, in die ich zog, hatte ich bereits Freunde. Aber nun ist es anders irgendwie. Und ich habe mich heute schon mehrfach gefragt, wieso ich mich freiwillig mit einem 20 kg schweren Koffer und diversen Taschen, in einem Land, in dem ich kaum ein Wort verstehe, auf die Suche nach einem Studentenwohnheim begebe. Man könnte es doch wirklich einfacher haben. Und billiger. Und man könnte auf jeden Fall weniger vermissen.
Aber: Es ist schön hier.



Von meinem Zimmer war ich positiv überrascht. Größer und netter als ich dachte.


Und der Ausblick geht auch so.

ready, steady, go

August 6th, 2007

[current music: Massive Attack – unfinished sympathy]


Schon ein komisches Gefühl: Nur noch einen Flaschenöffner am Schlüsselbund. Alles abgegeben, aufgegeben. Das, genau das, wollte ich einmal so und nicht anders.
Dieses Jahr hatte schon zwei Tage, die alles ein bisschen zum Guten verändert haben, die alles aber auch ein bisschen schwieriger gemacht haben.
Und dass das so schwierig werden würde, hätte ich nicht gedacht. Und beinahe wäre es ja auch gar nicht so schwierig geworden. Beinahe wäre alles ganz einfach gewesen, wären da nicht die letzten Tage. Die Tage, in denen alles plötzlich ganz schnell ging. Die Tage, die zu schnell vorüber waren, die wunderbar waren und meinetwegen noch ewig hätten andauern können.
Ich habe noch gar nicht richtig begriffen, dass es morgen losgeht. Nicht einmal meine Koffer sind gepackt, bin nicht aufgeregt, bin mit den Gedanken ganz woanders.
Ich glaube, alles wird gut.

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