our time is running out
März 29th, 2007[current music: Little Man Tate - who invented these lists]

Er fluchte bestimmt eine Stunde lang. Flüsterte minütlich etwas vor sich hin, saß unruhig mit seiner pickligen Stirn, den fettigen, zurückgekämmten Haaren und der buntbenähten Bomberjacke auf seinem Stuhl und schimpfte. Aus den Wortfetzen war zu entnehmen, dass das Warten zum Kotzen ist, dass es ja wohl nicht wahr sein kann und eine Frechheit ist es sowieso.
Weil wohl niemand reagierte, ich Kartoffelrezepte in einer Frauenzeitschrift suchte, die allerdings vorher herausgerissen zu sein schienen, und eine alte Dame angestrengt eine Broschüre zum Thema Cholesterin las, untermalte er sein Geschimpfe, indem er unaufhörlich mit der Zunge schnalzte und seine Nase minütlich hochzog.
Als ich dann doch mal einen Blick in seine Richtung wagte, blaffte er mich an, ob ich denn einen Termin hätte. Etwas irritiert verneinte ich, dachte dann aber, dass das ganz schön blöd klingt so, weil er nun ja denken könnte, dass ich nur auf jemanden warte. Also wedelte ich mit meiner Hand in der Luft herum und versuchte auszudrücken, dass ich zwar keinen Termin habe, aber trotzdem zum Arzt möchte.
Danach war die alte Dame an der Reihe. Immer noch vertieft in ihrer Cholesterin-Schrift musste er sie zwei Mal ansprechen bevor sie überhaupt reagierte und die Uhrzeit ihres Termins verriet. Er kam zu dem Schluss, dass er nun schon seit einer halben Stunde dran wäre. Ich schaute die Blume neben mir an und die Frau las weiter.
In den nächsten Minuten hatte ich eigentlich nur noch Panik. Panik, dass man mich zuerst aufruft, weil ich auch viel früher als er in der Praxis war. Ich hatte Angst, das dies einen Eklat auslösen könnte und überlegte schon, der Schwester zu sagen, dass der junge Herr doch erst drankommen soll, weil er offensichtlich in Eile ist. Aber irgendwie war mir das peinlich. Und auf der Toilette verstecken war auch keine Option.
Glücklicherweise wurden wir von unser aller Leid erlöst, als er dann endlich ins Arztzimmer gerufen wurde.
Denken auch Sie über derlei Dinge nach?
März 8th, 2007Sagen Sie mal, ob Sie sich auch viele seltsame Gedanken machen, wenn ein mehrtägiger Besuch ins Haus steht; über den Besuch und was er anstellen könnte, was alles passieren kann und sei es noch so absurd.
Was ist denn zum Beispiel, wenn der Besuch, während ich mal nicht im Zimmer verweile, auf meinem Bett rumhopst und dabei das Lattenrost zerstört? Oder noch schlimmer: Rumspringt und mit Kopf und Körper irgendwelche Wandbehänge unsanft berührt und runterreißt?
Oder wenn er auf die Idee kommt, meine Stehlampe als Mikro zu missbrauchen und dabei all die toten Insekten darin entdeckt. Das fänd ich nicht gut. Und auch nicht gut wäre, er drückt zu fest gegen eine der Fensterscheiben und sie fällt raus. (Neulich beim Fensterputzen ist mir nämlich schon aufgefallen, dass die Scheiben nicht so fest in der Fassung sitzen und auch sonst recht labil sind.)
Ach, und es kann noch soviel mehr passieren (Unterhose im Flur verlieren, Miez uriniert in fremde Koffer, versteckte Dinge entdecken und, und, und…), oder? Oder? Und da fällt es mir wieder auf: Es hat schon so Manchen zur Weißglut getrieben, wenn ich hinter jede Aussage, die ich tätige, ein forderndes oder, *? hänge. Stimmt’s?
* Name der Person, die gerade anwesend ist
see the world
März 5th, 2007“du singst tief. ich sing schief. lass uns eine band gründen!”
März 5th, 2007[current music: The Kooks - ooh la]
Ich glaube, ich bin der miserabelste Gastgeber dieser Welt. Mal abgesehen von meiner kleinen Kommunikationsschwäche (die in der englischen Sprache noch viel schlimmere Ausmaße annimmt als im Deutschen), habe ich nichts Besseres zu tun, als meinen Gästen lediglich die Kneipenkultur Marburgs nahezubringen. Und nicht mal wirklich das; man landet ja doch immer in den selben zwei Lokalen, die bei näherer Betrachtung auch nur eines sind.
Und wenn man sich dann doch mal dazu durchringt, ein bisschen Kultur auf den Plan zu bringen, dann bin ich am Marburger Schloss die ganze Zeit am Schimpfen, weil der Schlossgarten im Winter eine Ausgeburt der Hässlichkeit ist und selbst der Ausblick von dort oben nur einen Blick auf Baustellen und abgeholzten Bäumen zulässt.
In CD-Läden renne ich davon, setze mir Kopfhörer auf und höre demonstrativ einen Stapel Tonträger durch, nur damit ich nicht reden muss. Bei einem Treffen mit mehreren Leuten, lasse ich dann auch lieber andere reden und erhebe nur manchmal Einspruch. Bin ich mit zwei Leuten unterwegs, kann man sich sicher sein, dass ich in anderthalb Metern Abstand vorne weg laufe, um in keine Gespräche verwickelt werden zu können.
Aber wenn dann mal was gesagt wird, dann wird schnell mal Jürgen Drews’ berühmtester Schlager mit a bed in a corpsefield übersetzt, weil crops und corpse ja eigentlich sowieso viel zu ähnlich klingen, obwohl das ja doch egal ist, weil crops nicht mal Korn heißt. Cornfield liegt aber auch gar nicht nahe! Dafür weiß aber jeder, der mich einmal für ein paar Tage besucht hat, mit dem Begriff roter Korn etwas anzufangen. So kommen noch Wochen später Nachrichten wie I miss roter Korn. Immerhin etwas.
Ich wusste gar nicht, dass die Studenten-WG-Partys hier so ungewöhnlich sind, aber immerhin konnte ich meinen Gast damit beeindrucken, wenn schon nicht mit Wortbeiträgen meinerseits. Nie mehr vergessen wird er diese Party, nach eigener Aussage. Vielleicht war es die selbstgebaute Bierbong, die tolle Wodka-Ahoi Brause-Mischung, der wunderschöne Wodkabrunnen oder aber das Karaokegeschrei, was so beeindruckt hat. Ich weiß es nicht, aber ich war es bestimmt nicht.
Not talking to you doesn’t mean: I don’t like you.
on the other side II
März 2nd, 2007Ein Flattern.
März 2nd, 2007[current music: The Kooks - seaside]
Da war dieses Geräusch. Auf einmal. Wir waren mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Dinge, die ich jetzt nicht mehr verstehe. Ein Flattern, ein Summen – ganz plötzlich. Es wurde leiser, dann lauter, es kam näher, verschwand wieder. Ich dachte an ein Insekt. Ein großes Insekt mit lautem Flügelschlag. Aber sehen konnte ich nichts. Ich rannte hin und her, hatte Angst.
Ich lief umher, wollte die Ursache des Flatterns finden. Dachte schon an etwas Unsichtbares, Übernatürliches. Ich lief an der Dusche vorbei, in der sie steht. Ich schlug gegen den Vorhang; sie solle doch mit nach dem Flattern suchen. Keine Regung, nur das gleichmäßige Flattern, das lauter wurde.
Ich zog den Vorhang zur Seite. Sie hing dort, ihr Körper zuckte. Er, dieser nasse, fast leblose Körper, erzeugte das Flattern, indem er gleichmäßig gegen den Vorhang zuckte. Ich wollte sie anheben, sie sollte Luft bekommen, doch sie entglitt mir, rutschte weg.
Und das Geräusch verstummte.







