You know when you’re bored…
Dezember 26th, 2006god jul
Dezember 26th, 2006[current music: Kaizers Orchestra - evig pint]
Ich bin jetzt wieder in Marburg. Verändert hat sich nicht viel. Hier nicht und daheim sowieso nicht. Da sieht alles hässlich aus und wenn man genau das sagt, dann heißt es, man verleugne seine Heimat. Da ist Homosexualität abartig und wird mit durch Contergan verursachte Behinderungen verglichen. Und überhaupt gibt es Schwule ja erst seit es Chemie gibt. Da wirft man kranke Katzen lieber den Jagdhunden vor als Geld für den Tierarzt auszugeben. Da werden Hunde erschossen, die bei der Jagd nichts taugen oder auch einfach mal so verkauft, wenn sehr viel Geld geboten wird. Da regt man sich auf, wenn die Westverwandtschaft verkündet, dass sie wen in der ehemaligen DDR besuchen möchte. Da werden Alien-Filme beim Weihnachts-Kaffee geschaut, da wird gestritten, umgerissen und gerechnet, denn wir wollen ja alle wissen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Augenkrankheit ist, paart man den einen mit dem anderen Hund.
Jedes Jahr dasselbe. Und ich frage mich, ob das früher doch anders war. Vielleicht merkt man es nach einer Weile nicht mehr. Wenn man länger dabei ist. Dann wird alles normal.
Ich bin jetzt wieder in Marburg und packe meinen Koffer. Einen großen Haufen an Klamotten habe ich in der Zimmermitte aufgetürmt. Klamotten, die ich auf jeden Fall mitnehme, Klamotten, die ich vielleicht mitnehme und Klamotten, die ich eigentlich sonst nie anziehe, aber die man ja mal tragen könnte. Aber: Macht man ja doch nicht.
Es wäre doch besser, man wäre in Equador.
Dezember 15th, 2006Im Bistro, Raucherraum der Uni. Sie sitzt mir gegenüber, grinst, trommelt mit beiden Fäusten abwechselnd auf den Tisch, wackelt dabei fröhlich mit dem Oberkörper hin und her und fragt: Wieso haben wir eigentlich nur so bekloppte Freunde?
Im Bus. Er, der mit der braunen Cordweste, holt einen Geldbeutel aus der Tasche und streckt ihn mir entgegen. In dem Moment weiß ich wieder, woher ich ihn kenne. Auf seinem Geldbeutel prangt der gleiche gelbe Aufkleber mit der gleichen Botschaft wie auf meiner Tasche. Er redet und redet und ich zähle die Haltestellen, die noch verbleiben – bis ich den Bus verlassen kann. Er redet auch von Pumas, denn meine Tasche ist von Puma. Er redet davon, dass die Pumas ausgestorben seien und dass ich vieles nicht weiß. Und er sagt, er studiert nicht, aber er wird noch Weihnachten protestieren; wenn’s sein muss mit einem Weihnachtsbaum im Schlepptau.
In der Philosophischen Fakultät. Immer tut er so, als seien wir alte Bekannte. Er redet von Equador. Davon, dass man als Europäer nicht länger als sieben Monate dort bleiben dürfe, davon dass man nur unter Polizeischutz einkaufen gehen könne, dass man sich im Hochland Equadors verstecken könne und dass in Equador jetzt, wenn wir in der Uni 15.30 Uhr haben, halb 10 Uhr morgens ist und dort bereits mit dem Arbeiten aufgehört wurde. Und so zog er den Schluss: Es wäre doch besser, man wäre in Equador.
Im Bistro, Raucherraum der Uni. Sie packt gerade all ihre Sachen ein, als plötzlich ein ordentlich gekleideter Student an den Tisch tritt und fragt, ob sie die Sandy sei, seine ehemalige Mitbewohnerin. Und weil sie gerade so albern war und von der Frage ziemlich irritiert, warf sie ihm ein lautes, fragendes Nein an den Kopf. Sie selbst war erschrocken von der Unhöflichkeit ihrer Antwort und nahm sich vor, in Zukunft freundlicher zu sein.
Was anderes: Wer einmal einen richtig üblen Film sehen möchte, der schaue sich doch bitte Die Rotkäppchen-Verschwörung an.
Im Dunkel
Dezember 11th, 2006Ich betrat den Flur, weil ich nicht schlafen konnte. Alles war dunkel und still. Nur aus dem Zimmer des Mitbewohners drangen dumpf die unverständlichen Worte eines Fernsehmoderators. Etwas, was beim Aufprall auf dem Fußboden ein leises Platschen verursachte, fiel von der Decke. Im Lichtschein des aus der Wohnung ins Flur tretenden Lichts konnte ich erkennen, dass es sich dabei um einen großen schwarzen Käfer handelt.
Ich weiß nicht, weshalb ich unsere Wohnung verließ, weshalb ich hinaus wollte auf die Straße, ob ich überhaupt hinaus wollte. Ich schloss schnell die Tür zur Wohnung und entfernte mich von dem Getier, das ein leichtes Unwohlsein in mir hervorrief. Mir wurde Angst und Bange beim Gedanken daran, dass meine nackten Füße und der Käfer aufeinandertreffen könnten. Die Bewegungen des Tieres verursachten leichte Kratzgeräusche auf dem Boden.
Ich lief die Treppe hinab. Immer noch alles dunkel und ruhig. Plötzlich spürte ich, dass etwas in meinem Gesicht drückte. Links saß das Brillenglas so nah auf meinem Auge, dass es wehtat und rechts war es völlig in Ordnung. Beim Versuch die Brille zu richten, zerbrach die Fassung in zwei Teile. In jeder Hand hielt ich einen Teil.
Gerade als ich zum Lichtschalter gehen und mir die Brille anschauen wollte, sah ich eine Treppe tiefer am vom Mondlicht erhellten Fenster einen Schatten. Was es war, wusste ich nicht. Es bewegte sich nicht, sah aber einer menschlichen Gestalt ähnlich. Ich drückte auf den Lichtschalter. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Nichts. Dunkelheit.
Mir wurde schwindlig. Ich fühlte mich, als fiele ich in ein Loch. Und fiel und fiel. Ich sackte zusammen. Fiel weiter. Konnte mich nicht bewegen, meine Augen nicht öffnen, so sehr ich mich auch bemühte.
Irgendwann war alles ganz ruhig und entspannt. Ich öffnete die Augen und saß mit dem Rücken zur Wand auf dem Fußboden. Es war immer noch dunkel. Neben mir eine Gestalt. Wer oder was es war, konnte ich nicht mehr erkennen.
ein lied ohne botschaft ist wie ein land ohne botschaft…
Dezember 10th, 2006[current music: Washington - black wine]
Manchmal da nehme ich mir vor, mir etwas ganz Bestimmtes zu merken, weil es so schön ist, oder mir zumindest in jenem bestimmten Moment so schön vorkommt.
Und dann, wenn ich mich daran zurückerinnern möchte, dann ist da nichts mehr. Ich weiß, um welchen Moment es sich handelt und auch dass es schön war, doch von dem Gefühl ist nichts mehr da. Das kann man nicht festhalten. Nur das Erinnern an die äußeren Umstände von damals, bringt das Gefühl auch nicht zurück. Es scheint so wertlos auf einmal.
Schön ist es, wenn Jan Koch live singt, Benjamin Lebert redet, der Regen nachts gegen mein Fenster trommelt, unter meiner warmen Decke oder wenn die eine Person mir schreibt. Und wenn Washington black wine singen.
Und weil ich gerade so wunderbare Musik höre und ich kaum mehr zu all dem sagen kann, mag ich die Alben aufzählen, die ich dieses Jahr am meisten gehört habe; nicht nur neue, denn es gab ja wenig wirklich gute, neue Musik:



Weitere Jahres-End-Aufzählungen werden bestimmt noch folgen…
wo es keine Antworten gibt
Dezember 3rd, 2006[current music: And You Will Know Us By The Trail Of Dead - naked sun]
Da sitze ich und denke darüber nach, ob ich nicht besser zuhause geblieben wäre. Ich sage noch weniger als sonst, mein Lachen kommt mir aufgesetzt vor. Ich habe Angst, die gute Stimmung kaputt zu machen, dass jemand nachfragt. Und dass ich keine Antwort weiß. Und davon gehe ich aus. Wieso sollte ich, aufeinmal wissen, wieso es ist wie es ist?
Einen Moment später sagt man mir, ich sähe so zufrieden aus. Und glücklich. Ob man glücklich sagte, weiß ich nicht mehr genau. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, aber zufrieden sagte man. Nur wer zufrieden ist, kann auch glücklich sein, oder? Ich weiß es nicht. Ich nicke. Ich will nicht widersprechen. Das wirft nur Fragen auf. Fragen, auf die ich keine Antwort weiß.
Aber eigentlich bin ich auch zufrieden. Und würde dennoch am liebsten seit Tagen in meinem Bett bleiben, die Decke über meinen Kopf ziehen, vor mich hin träumen, schlafen und in drei Wochen wieder aufwachen. Dabei steht mir nicht einmal wirklich Schlimmes in den nächsten Tagen und Wochen bevor. Alles wird wie immer sein. Vielleicht ist es auch das. Die Antwort auf die Frage.
Irgendwann wird es verschwinden – Das Gefühl. Ohne dass man sich der Anstrengung, die es zu beseitigen galt, auch nur einmal bewusst geworden ist.






