Karbunkel, Furunkel und Gemunkel
April 28th, 2006[current music: Placebo - in the cold light of the morning]
Es fühlt sich an, als hätte ich einen vollgesogenen Wattebausch oder einen dicken Brotklumpen, der sich zwischen Unterkiefer und Wange verfangen hat, im Mund. Doch man munkelt, es sei nur der Weisheitszahn, der wächst; zumindest hoffe ich das. Also eigentlich ja nicht, meinetwegen kann er auch wegbleiben, aber lieber ein Zahn mehr, als ein Geschwür, Karbunkel oder Geschwulst in der Mundhöhle. Bis jetzt sieht das aber auch noch nicht wirklich wie ein Zahn aus – bis auf ein kleines Stückchen Weiß, das sich farblich gesehen von der Schwellung etwas abhebt.
Ich weiß noch, wie ich früher immer dachte, dass nicht alle Milchzähne ausfallen und dass die Backenzähne in dem Sinne keine Milchzähne sind, sondern für immer bleiben. Als dann jedoch einer meiner Backenzähne zu wackeln begann, geriet ich in Panik. Ich behielt es für mich, denn in meiner Scham wollte ich niemandem erzählen, dass mir bald Zähne fehlen werden – in so einem jungen Alter. Ich schob es anfangs darauf, wie ich meine Zähne putze. Vielleicht mache ich etwas falsch? Schon bald – der Zahn war noch drin – war ich auf’s Schlimmste vorbereitet. Ich habe mich damit abgefunden in Zukunft ein Gebiss tragen zu müssen. Ich habe mir eingeredet, das sei gar nicht so schrecklich, das kann ja mal passieren. Denn auch mein Vater bekam schon mit elf oder zwölf Jahren ein Gebiss, nachdem er auf einer Wasserrutsche eine besondere Rutschtechnik erproben wollte und sich sämtliche Zähne dabei ausschlug bzw. tiefer in den Kiefer rammte, als sie hätten sein sollen. Diese Geschichte meines Vaters machte mir Mut. Mut, dass es vielleicht gar nicht schlimm ist, in meinem Alter schon ein Gebiss mit mir herumtragen zu müssen. Ich könnte es ja auch Geheim halten. Meine Freunde müssen davon nun wirklich nichts wissen…
Ich weiß gar nicht mehr, wie lange ich mich mit diesen Gedanken gequält habe und ob ich vielleicht erst wieder beruhigt war, als der Zahn raus- und ein neuer hinterherkam.
Und doch kann ich mich nicht erinnern, dass die nachwachsenden Zähne – auch nicht die Backenzähne – solche Schwellungen verursachten und schmerzten. Aber Babys schreien ja auch, wenn die ersten Zähnchen kommen. Das beruhigt. Wieder eine Sache, an die ich mich festklammern kann.
gut, gut
April 24th, 2006Wenn ich nicht jammern kann, habe ich auch nichts zu schreiben. Ich kann mich nicht beklagen momentan. Ich habe von morgens bis abends – das Wochenende eingeschlossen – zu tun. Wenn ich nicht in der Uni bin, so arbeite ich. Arbeite ich nicht, verbringe ich meine Zeit an den fantastischen Kopiergeräten der Uni oder bereite Seminare vor bzw. nach. Und wenn ich das nicht mache, so sitze ich herum, lese bisweilen in meinen Büchern oder weiß nichts anzufangen mit der plötzlichen freien Zeit.
So lange ging es mir selten an einem Stück so gut. Aber natürlich habe auch ich manchmal schlechte Laune, bin muffelig; weil ich vergessen habe, Essen zu kaufen, irgendwelche Körperteile schmerzen, man mich beim Lesen stört (da kann ich je nach Spannung des Buches sogar aggressives Verhalten aufweisen), irgendwelche Behörden/Dienstleistungsunternehmen alles durcheinanderbringen und nichts verstehen oder ich von Mitbewohner 3 in dem Glauben, Mitbewohner 2 sei tot, nur weil er mit dem Drehstuhl umgekippt und eingeschlafen ist, mitten in der Nacht in Panik aus dem Bett geholt werde, um eventuelle erste Hilfe zu leisten.
Die Rätsel des Haushalts
April 17th, 2006[current music: Janove Ottesen - down to the vertigans]
Ja, nun sind die Ferien vorbei. Pardon, die vorlesungsfreie Zeit natürlich. Ferien ist auch wirklich nicht der richtige Ausdruck dafür, denn man hat ja doch hin und wieder zu tun für die Uni, muss arbeiten oder die Eltern besuchen. Doch das ist gut, sonst würde ich spätestens nach einer Woche des Nichtstun unmotiviert, talk-shows-schauend auf meiner mit Haarballen bedeckten Couch dahinsiechen; irgendwann aufstehen und mit einer braunen Cordhose voller grauer Haarballen, die mein Hinterteil in unregelmäßiger Anordnung bedecken, durch die Stadt schleichen, um Pizza und Cola Light zu kaufen.
Und wo wir doch gerade bei Haarballen sind: Ich habe gestern nach drei Jahren den Staubsaugerbeutel wechseln wollen. Ich sauge nicht so oft, da sind drei Jahre schon in Ordnung und in der WG haben wir ja auch drei Staubsauger. Drei Staubsauger, drei Wäscheständer, zwei Kaffeemaschinen, zwei Toaster, zwei Mixer, zwei Wasserkocher und eigentlich auch zwei Sandwich-Maker, hätten wir nicht den alten, den dreckigen weggeworfen und durch einen neuen, sauberen ersetzt.
Gestern also Staubsaugerbeutelwechsel. Der Beutel war scheinbar so voll, dass sich das Aufgesaugte bereits im Saugerrohr ansammelte. Und zu meinem Entsetzen waren das Haare, braune Haare, einfach nur Haare (und ein bisschen Trockenfutter vom Kater vielleicht). Soviele Haare, daraus könnte man eine Perücke zaubern. So etwas habe ich nie gesehen vorher und auch keine Erklärung dafür, denn weder ich noch irgendwer anderes in dieser Wohnung (außer vielleicht der Kater, aber dessen Haare sind ja nicht braun) haart so extrem. Hätte mir irgendwer den Erklärungsversuch, dass sich der Frisörladen von gegenüber neulich unseren Sauger geliehen hat, geliefert, ich hätte es auf der Stelle geglaubt.
Gestern der Staubsaugerbeutel, heute die Kaffeemaschine. Ich wusste ja gar nicht, dass Schimmel staubt. Normalerweise muss man nicht hebeln, aber ich musste das heute schon und zwar hebelte ich aus dem Kaffeemaschinenfuß eine Art Gitter heraus, in dem sich der Kaffee sammeln soll, der daneben geht. Und kaum war es draußen, das Messer verbogen, kam es zu einer Staubentwicklung, die von den grün-weißen Ansammlungen unter dem Gitter zu kommen schien. Rätselhaft.

Kein Scherz!
April 10th, 2006[current music: Fehlfarben (mit Claudia Kaiser) - club der schönen mütter]

l(i)eben
April 10th, 2006Diese Stadt.
April 6th, 2006[current music: Philip Glass - tearing herself away]
Als ich das erste Mal in diese Stadt kam, dachte ich, sie wäre besonders groß. Das war sie anfangs auch für mich. Du führtest mich herum, zeigtest mir Dinge, die so neu, so groß, so anders waren. Nie hätte ich gedacht, mich hier jemals zurecht zu finden.
Die Fahrten, Spaziergänge und Heimwege durch diese Stadt kamen mir so unendlich lang vor. Viele fremde Menschen, immer neue Abzweigungen, Straßen, die alle gleich aussahen und noch mehr Abzweigungen. Nachts war es viel heller in dieser Stadt als dort, wo ich lebte.
Du zeigtest mir Lokalitäten in Seitenstraßen, von denen ich glaubte, sie nie wieder finden zu können. Wir saßen in Bushaltestellen, in Straßen, in Sälen, die ich nur aus dem Dunkeln kannte; und nur im Dunkeln kennenlernte.
Und das Seltsame ist: Noch heute – Jahre später – gibt es jene Momente, in denen mir auffällt, dass ich gerade wo stehe, wo ich schon einmal stand. Mit dir. Und auf einmal weiß ich, wo ich an jenem Abend vor vielen Jahren eigentlich gewesen bin in dieser Stadt; wohin du mich geführt hast.
Bisweilen scheint es mir, als wäre die Stadt, die du mir damals zeigtest, eine ganz andere gewesen. Als wäre es nicht die Stadt gewesen, in der ich jetzt täglich umherwandele und in der man sich eigentlich auch nur schwerlich verlaufen kann.
Es ist alles viel kleiner, als ich es damals wahrgenommen habe. Und ein bisschen fühle ich mich betrogen; darum gebracht, in eine dieser großen Städte zu leben. In einer Stadt so groß, wie ich sie mir damals ausmalte.
Wir liefen und liefen und ich wusste nicht, wohin. Hatte kein Ziel vor Augen, wusste weder Richtung noch, wann der Weg ein Ende hat. Es schien alles so unendlich groß. Diese Stadt.
your spain
April 5th, 2006[current music: The White Birch - your spain]

Vor einem Frisörbesuch bin ich in etwa so aufgeregt wie vor einer mündlichen Prüfung. Typisch Mädchen. Nunja… dafür habe ich aber auch nur ein paar Schuhe. Und heute einen immensen Mitteilungsdrang.
kleines drama
April 5th, 2006Handy klingelt. (Das tut es übrigens oft. Und oft antwortet niemand, wenn ich rangehe.)
Ich, 18.15 Uhr, während mich der Ekel beim erstmaligen und zufälligen Lotta in Love-Schauen überkommt: Ja?
Die Dame vom Service-Team oder so: [überaus freundlich, aber kaum zu verstehen] Hallo, mein Name ist *krkrkrkr* vom *krkrkrkr* Kunden *krkrkr*
Ich: [Rauschen in der Leitung] Bitte?
Die Dame: [Sehr leise. Das soll bis zum Ende des Gesprächs so bleiben.] Hallo, mein Name ist *krkrkrkr* vom E-Plus *krkrkrkr* Kunden *krkrkr*
Ich: (Innere Stimme: Mist, zu spät zum Auflegen.) Ahja. Hallo.
Die Dame: Sie haben uns eine Kündigung geschickt.
Ich: Ja.
Die Dame: Mit der Kündigung ist auch alles in Ordnung.
Ich: [Aufatmen.] Ja, gut.
Die Dame: [Lautes Rauschen und Knacken in der Leitung.] *krkrkrkrkr*
Ich: Halloooo?
Die Dame: Die Verbindung ist gerade nicht so gut, oder? Jedenfalls… ich rufe an, denn ich habe ihre Kündigung bearbeitet und würde gern den Grund erfahren. Also wieso haben sie den Vertrag gekündigt?
Ich: Ääh, weil ich weder bei meinen Eltern daheim – die wohnen auf einem Dorf in Sachsen-Anhalt – noch hier in Marburg Empfang habe. Also bei meinen Eltern gar nicht und hier in der Oberstadt, in der der Wohnung, manchmal nicht und in Einkaufszentren überhaupt nicht. (Okay, das war leicht übertrieben.)
Die Dame: Haben Sie mal probiert, ob Sie draußen besseren Empfang haben als in der Wohnung? Vielleicht liegt’s daran.
Ich: Bei meinen Eltern habe ich weder drinnen noch draußen Empfang.
Die Dame: [Rauschen und Knacken in der Leitung.] Achso. Ehm.. *krkrkrkr*
Ich: [Entfernt das Ladekabel aus dem Handy. Schlagartig bessere Verbindung.] Hallo? Ah jetzt geht’s wieder.
Die Dame: Wie alt ist denn Ihr Handy?
Ich: Etwa ein Jahr. (Das war eher untertrieben.)
Die Dame: Dann mag es daran liegen. Ist ja schon recht alt.
Ich: Ein Jahr? Alt? Finde ich jetzt nicht.
Die Dame: Ja, stimmt. Daran kann es nicht liegen. Aber wir haben doch eine tolle Verbindung. Gerade ist doch gut. Ich dachte, es wäre schlecht bei Ihnen sonst?
Ich: [Sprachlos.] Ääh.. naja. Gerade schon, aber vorhin da…
Die Dame: Wir sind ja immer bemüht neue Masten und so aufzustellen, damit der Empfang überall gewährleistet ist, wissen Sie? Übrigens können sie sich auch im Media Markt oder Saturn so kleine Antennen kaufen, die sie zusätzlich an ihrem Handy anbringen können. Und Sie können mir glauben, das bringt etwas. Manchmal ist das eben so. Da hat man keinen Empfang, aber kaum ist die Antenne dran, geht’s.
Ich: Habe ich nicht vor. Ich wollt eigentlich ein Handy, dass auch so funktioniert.
Die Dame: Was kann ich denn tun, um sie von der Entscheidung mit der Kündigung abzubringen?
Ich: Nichts wohl.
Die Dame: Hach.. keine Gutschrift, Rabatt. Nichts?
Ich: [Wird langsam unruhig, denn es dauert alles viel zu lange.] Nein.
Die Dame: Aber Ihr Vertrag endet doch erst am 7. Juni.
Ich: Und?
Die Dame: Ja, ist doch schade drum. Jetzt in den nächsten beiden Monaten. Verfällt doch.
Ich: Nein, ich nutze es ja bis der Vertrag ausläuft.
Die Dame: Also Ihre Kündigung wird erst am 7. Juni wirksam.
Ich: Ich weiß. Das macht aber nichts, weil ich das Handy bis dahin noch nutzen werde.
Die Dame: Ja. Und kennen Sie vielleicht jemanden, der Ihren Vertrag übernehmen würde?
Ich: Puuh.. nein, niemanden.
Die Dame: Niemand, der gerne ein neues Handy möchte oder sich sowieso einen Handyvertrag zulegen möchte?
Ich: Nein.
Die Dame: Und ich kann Sie nicht von Ihrer Entscheidung abbringen?
Ich: Nein.
Die Dame: Das ist aber schade. Ich dachte mit einer Gutschrift oder einem tollen, neuen Handy…
Ich: Nein.
Die Dame: Gut, dann bedanke ich mich. Viel Erfolg dann in Zukunft mit ihrem Handy und dem neuen Vertrag.
Ich: Ja, danke. Tschüs.






