sickgirl

Hauptsache Gefühl

März 31st, 2006

Von den vielen Büchern der Jelinek habe ich zwei (“Die Klavierspielerin” und “Lust”) gelesen, wenn auch nicht ganz zu Ende, weil die Lektüre mein Wohlbefinden gefährdete, zumal meine Magennerven auf unangenehme Weise reizte. Mit anderen Büchern hab ich [...] immerhin Kontakt aufgenommen. Das Ergebnis: Ich glaube, ja, ich bin sicher, dass das Schreiben nicht gerade zu den starken Seiten der Elfriede Jelinek gehört.

[Marcel Reich-Ranicki: Trau keinem über 70]

Meine Magennerven – und nicht nur die – sind auch gereizt, wenn ich sowas lese. Und sowas lese ich irgendwie dauernd. In Rezensionen, in Kritiken zu Fotos, über Filme. Überall gibt es Menschen, die Sachen schlecht finden, weil keine gute Laune verbreitet wird, weil keine Sonne lacht, weil etwas anderes vermittelt werden soll als Spaß. Kann ja sein, dass man das eine eher mag als das andere; nur was ich nicht verstehe ist, wieso etwas automatisch schlecht ist, wenn es traurig macht, anekelt, einen aufbringt oder sonst irgendwas. Nun ja, man muss nicht alles verstehen.
Ach was regt mich das überhaupt auf, ändert ja eh nichts und wahrscheinlich nervt mich sowas auch nur, weil ich ja schon gern möchte, dass mein Wohlbefinden ein bisschen gefährdet wird.
Und auch wenn Reich-Ranicki manchmal komische Dinge sagt, Mein Leben ist dennoch lesenswert und überdies sehr toll. Schreiben kann der, aber die Jelinek eigentlich auch.

Die Ballade vom Popel Peter

März 30th, 2006

Glücklicherweise kann hier niemand Gedanken lesen, sonst würde ich wahrscheinlich vor Scham im Erdboden versinken. Aber wer würde das nicht, wenn er beim Bearbeiten von Bildern, welche ausschließlich mykenische und minoische Siegel zeigen, ununterbrochen eine Liedzeile samt Melodie im Kopf hat, die folgendermaßen lautet: Popel Popel Peter, Ich trau Dir keinen Meter. Danke Niels, für diesen fantastischen Ohrwurm. Danke, dass ich diese hochwertige Liedzeile den ganzen Tag mit mir herum tragen darf :)

so einfach geht das nicht

März 29th, 2006

[current music: Alanis Morissette - head over feet]

Als ich jung war, habe ich wie die meisten jungen Menschen geglaubt,
ich müßte jung sterben. Es war so viel Jugend, so
viel Anfang in mir, daß ein Ende sich nur gewaltsam und
schön denken ließ…
[Monika Maron: animal triste]

Manches Mal ertappe ich mich dabei, mir zu wünschen, älter zu sein. Nicht vergreist, aber doch viel älter als jetzt. Etwa doppelt so alt. Das ist komisch, denn bis vor ein paar Jahren habe ich immer geglaubt, nie sonderlich alt zu werden und dies mit meinem Lebenswandel begründet. Mittlerweile weiß ich, so einfach stirbt man nicht. Und dann gab es jene Momente, in denen ich Angst vor dem Altern hatte. Angst vor Verantwortung, grauen Haaren, Falten. Angst davor, noch kleiner zu werden. Und auf einmal wäre ich gerne einfach nur viel älter mit einem geregelten Leben, in dem ich das mache, was ich mir immer gewünscht habe zu machen.
Ich glaube, es ist gar nicht wirklich der Wunsch alt zu sein, sondern der nach einem neuen Lebensabschnitt. Nun, da muss ich mich gedulden.

Man weiß ja nie, wozu das gut ist.

März 27th, 2006

Sie steigt aus dem Zug. In der Hand eine Leine. An der Leine einen Hund. Sie geht auf einen Mann zu. Ihr Mann, nehme ich an. Sie begrüßen sich. Der Hund freut sich so den Mann zu sehen, dass er zu jaulen und bellen beginnt. Er springt noch lange aufgeregt um den Mann herum und schlägt dabei Krach. Diese Szene am Bahnhof fand ich doch sehr herzzerreißend. Gut, dass ich meine Sensibilität an jenem Tag halbwegs unter Kontrolle hatte und mir weiteres verkneifen konnte.

Was toll ist: Mein Schnupfen ist komplett weg. Lag wohl am Celine Dion Parfüm. Nunja.. ich habe Celine Dion noch nie so richtig gemocht. Und ich bilde mir jetzt ein, sie mich auch nicht. Außerdem muss ich bei ihrem Namen immer an diesen DJ auf der einen Hochzeit denken, der nur seltsame Partymusik im Angebot hatte und auf Anfrage, etwas Anderes zu spielen, vorschlug Cilein Deion aufzulegen. Ach jedenfalls kann ich das Parfüm ja mal wieder auftragen, wenn es mir nach einer laufenden Nase, Niesanfällen, einem kleinen Ekzem über dem linken Auge, wundervoll trockener und schuppender Haut sowie nach einem aufgedunsenen Gesicht lüstet.

Heimat

März 24th, 2006

Auf dem Weg nach Kassel. Ganz langsam, mit Verspätung.
Ich weiß nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Aber es macht mich nervös. Unentwegt schaut es nach hinten, nach vorn, aus dem Fenster links, aus dem Fenster rechts und verbiegt sich dabei. Dreht und wendet sich.
Dieses “Ladiiiiies aaaand Gentlemeeeeen…”, das der Zugsprecher bei jedem sich nähernden Halt verlauten lässt, klingt fast, als würde er zu einem Lied ansetzen wollen, von dem ich die Melodie bereits im Kopf habe. Und immer wenn er fast zu singen beginnt, wird meine Stimmung ein klein wenig besser, denn ich erwarte dieses Lied, doch es folgt nicht… es wird ganz monoton, ganz plötzlich.
Am Braunschweiger Bahnhof sucht ein Mann aufgeregt nach seinem Zugticket und flucht dabei. In den Jackentaschen innen, dann außen, im Koffer, in jeder einzelnen Ritze seines Koffers, wieder in der Jacke, in den Hosentaschen, wieder der Koffer und es nimmt kein Ende.
Bald bin ich in Magdeburg und stehe unter permanenter Beobachtung eines gar nicht mehr so jungen Mannes, während ich lese. Doch dann taucht er, der hektische Mann, erneut auf (und stielt mir sozusagen die Show). Dieses Mal läuft er fluchend das Abteil auf und nieder und schaut nach oben in die Kofferablagen. Scheint aber nichts zu finden. Geht noch einmal auf und nieder, schwört Rache, kann nicht glauben, dass sein Koffer verschwunden ist und verlässt das Abteil.
Nun bin ich fast zu Hause. Ich sage noch immer zu Hause, wenn ich dorthin fahre, wo ich aufgewachsen bin. Doch ich fühle mich hier nicht zu Hause. Die Menschen sind alle viel älter und wenn sie in meinem Alter sind, dann könnten sie mir unähnlicher nicht sein und schieben bereits ein, zwei Kinder vor sich her.
Vielleicht ist Heimat treffender als zu Hause. Vielleicht ist es auch einfach das gleiche.

Woran es liegt, weiß ich noch immer nicht, aber ich habe seit zwei Tagen keinen Schnupfen und Niesen mehr. Das erste Mal seit Januar. Vielleicht hab ich es dem dem Antiallergikum zu verdanken, oder aber auch nur dem gänzlichen Verzicht auf Alkohol, sowohl was den Genuss als auch das Auftragen auf die Haut angeht. Wer weiß. Vielleicht liegt es aber auch an Marburg, doch dann wäre diese Stadt auch eine denkbar schlechte Wahl für ein zu Hause. Aber das ist es eh.

Es war Sommer.

März 20th, 2006

Ich kann mich kaum erinnern. An die Umstände, an die Zeit, an damals. Das einzige, was ich noch sicher weiß, ist, dass der Schrank braun war und die vielen Süßigkeiten darin bunt. Es war Sommer und die Osterhasen und Schokoladeneier sahen aus, als hätte er sie gestern erst bekommen. Ich meine nicht, dass sie aussahen, als hätten sie ein halbes Jahr im Garten gelegen und gestern hat er sie dann gefunden, sondern als hätten die Eltern sie gestern versteckt und er sie gefunden. Aufheben möchte er sie, sagte er. Nicht alles auf einmal essen. Sich daran erfreuen. Lange etwas von dem Süßen haben.
Und sie saß auf einer Hollywoodschaukel. Im Sommer. In den Händen ein Stapel Postkarten. Pferdepostkarten. Sie zeigte mir stolz einzelne Karten, die kleinste Pferderasse der Welt oder die Ponys mit den langen Haaren. Sie hätte auch gern ein Pferd. Hat aber keines, nur diese Postkarten und eine Katze, der jemand mit dem Luftgewehr in den Bauch geschossen hat.
Das war mein Sommer. Damals.

Man kann im Leben nichts versäumen als die Liebe.

März 19th, 2006

„Doch von zwei Dingen schnell beschloß ich eines / dich zu gewinnen oder umzukommen.“ So lautet Penthesileas Satz in Heinrich von Kleists Trauerspiel. Und so lässt sich auch das zentrale Thema in Monika Marons Roman Animal triste zusammenfassen.
Die Ich-Erzählerin – hundert Jahre alt, vielleicht aber auch erst neunzig, sie weiß es nicht genau – erinnert sich ein letztes Mal an ihre „späte Jugendliebe“, an Franz den Hautflügelforscher: „[...] heute will ich mich bis ans Ende erinnern und dann niemals mehr. Heute werde ich aufhören, auf Franz zu warten.“ Sie, die Paläontologin ist, traf ihn 1990 unter dem Skelett ihres geliebten Brachiosaurus, wo er ihr sagte: „Ein schönes Tier“. Dies ist der Beginn der Liebesgeschichte zwischen Franz und der Erzählerin.
Kritisch betrachtet sie immer wieder ihren alternden Körper: „Wer so aussah, konnte noch lieben, aber nicht mehr geliebt werden.“ Doch Franz scheint durchaus interessiert an ihr. Er besucht sie regelmäßig, schläft mit ihr und verlässt immer nachts um halb eins die Wohnung der Erzählerin, denn der Rest der Nacht gehört einer anderen Frau, seiner Frau.
Der Erzählerin scheint es, als könne ihr bisheriges Leben nur dann einen Sinn ergeben, wenn sie es als einziges langes Warten auf Franz versteht. Ihrer gescheiterten Ehe, ihren vorherigen Liebschaften, ihrer ganzen Vergangenheit misst sie keinerlei Bedeutung mehr zu. Sie erinnert sich nur noch an Dinge, die in Zusammenhang mit Franz und der Liebe stehen, oder an besonders schöne, erlebnisreiche Dinge: „Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, mich an das, was ich vergessen will, nicht mehr zu erinnern.“
Zu Beginn des Romans bemerkt die Erzählerin: „Ich war nicht mehr jung, als ich beschloß, mein Leben als eine nicht endende, ununterbrochene Liebesgeschichte fortzuführen.“ Und das tut sie, auch über das Ende der Affäre hinaus. Sie besitzt das Bettlaken mit den Spermaflecken noch, sie trägt jahrelang Franz’ Brille, die er bei ihr vergessen hat, und sie wartet – wartet darauf, dass er zurückkehrt.
Immer wieder schimmert in den Erinnerungen der Ich-Erzählerin durch, dass sie die Weltgeschichte, die Epoche für das Scheitern ihrer Beziehung zu Franz verantwortlich macht. Sie wuchs auf in einer Zeit, die sie selbst als eine „seltsame Zeit“ bezeichnet. Eine Zeit, die Franz nicht kennt, denn er lebte in Westdeutschland und sie in Ost-Berlin. Damals geriet das Leben der Ich-Erzählerin „unter die Willkür des Absurden“. Franz ist das erspart geblieben. So redet sich die Erzählerin immer wieder ein, dass der „Wandel der Zeit“ Schuld an der Unterschiedlichkeit ihrer gegenseitigen Zuneigung ist.
Erst das „Jahr der Freiheit“ brachte die Erzählerin mit Franz zusammen. „Es gab neues Geld, neue Ausweise, neue Behörden, neue Gesetze, neue Uniformen [...], neue Briefmarken [...]; Straßen und Städte wurden umbenannt, Denkmäler abgerissen und neue Militärbündnisse geschlossen.“ Manchmal glaubt die Erzählerin daran, dass die Mauer in Berlin nur eingerissen wurde, damit Franz und sie sich unter dem Brachiosaurus haben treffen können. Sie macht die Liebe zum Mittelpunkt ihres Lebens, zum Inhalt ihres Lebens. Dass ihre Existenz einen Sinn hat und die Frage überflüssig wird, „warum ich lebe und eines Tages sterben muß“, verdankt sie ganz allein der Liebe.
Kurz gesagt: Wundervoller Liebes- und Wenderoman! Monika Maron hat einen einmaligen, sehr schönen Schreibstil. Das Buch macht Glück und Unglück einer Liebe spürbar. „Animal triste“ möchte ich jedem ans Herz legen, der Liebesgeschichten mag.

heute abend

März 16th, 2006

[current music: Placebo - infra-red]


:)

Eine halbe Ewigkeit.

März 15th, 2006

Die Frau neben mir röchelt, cremt ihren rechten Zeigefinger ein und schiebt diesen weit in ihre Nasenlöcher. Dabei reißt sie jedesmal ihren Mund auf und zieht eine Grimasse, sobald sie oben angekommen ist.
Das kleine Mädchen, im Stifte-Korb wühlend, redet schon jetzt ihr zeichnerisches Können in Grund und Boden. Ihre Mutter aber versucht ihr das äußerst glaubhaft auszureden und dementiert das Gesagte – ohne auch nur einmal die Kritzeleien des Kindes zu betrachten.
Und die alte Frau, die läuft gebeugt um den riesigen Tisch und wühlt skeptisch in den Magazinstapeln, bleibt vor dem Regal mit der medizinischen Fachliteratur stehen und betrachet Buchrücken für Buchrücken. Eine halbe Ewigkeit.
Heute Vormittag war ich also beim Arzt. Eine halbe Ewigkeit und einen Allergietest lang. Jetzt habe ich immer noch Schnupfen, scheinbar keine gängige Allergie und im Prinzip nichts erreicht. Doch immerhin bin ich beruhigt, denn eine Katzenhaarallergie habe ich nicht.

ein fliehendes Pferd

März 7th, 2006

Im Bus sah ich sie – keine 6 Jahre alt. Sie, die eine ganze Sitzbank in Beschlag nahm und auf ihr herumkletterte. In der Hand ein kunterbuntes Maschinengewehr, welches aussagekräftige Geräuche von sich gab, sobald sie den Abzug betätigte. Aber nicht, ohne vorher im Bus sitzende Leute anzuvisieren.

Das war ein unerwartet schönes Buch heute und gestern. Ein fliehendes Pferd. Zwei Ehepaare treffen sich zufällig am Bodensee. Die Männer kennen sich von der Schule und dem Studium. Sie könnten nicht verschiedener sein. Helmut, der am liebsten seine Zeit allein mit Sabine in der Ferienwohnung verbringt, um zu lesen und Klaus, der mit seiner 18 Jahre jüngeren Frau Helene von einer Tätigkeit zur nächsten jagt. Ein Kampf zwischen Klaus, der das Leben ausbeutet, wo er nur kann und Helmut, der vor dem Leben zu fliehen versucht. Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es muss das Gefühl haben, der Weg bleibt frei. Und: es muss das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei.

Und: Ein graues Haar auf meinem Kopf. Jetzt schon.

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