sickgirl

Sie lächelt.

Februar 28th, 2005

Es ist warm. Ein heißer Sommer. Mir scheint es so, als sei es viel wärmer als in all den anderen Sommern zuvor, an die ich mich erinnern kann. Der Ventilator hilft nicht mehr, er bläst nur noch die übelriechende Luft durch den Flur. Von eine Ecke in die andere. Immer das gleiche Spiel: Während sie den Ventilator im Halb-Stunden-Takt versucht auszuschalten, fällt er im Viertel-Stunden-Takt über die Füße desselben. Ich schalte ihn wieder ein. Ich rücke ihn wieder gerade.

Sie kriecht auf dem Boden. Ich frage mich, was sie da macht. Zumindest bis ich sehe, dass sie ein kleines Stück Wurst gefunden hat und im Begriff ist es aufzuheben. Sie geht behäbig – sie geht immer so – in Richtung des Papierkorbs und steckt sich das Wurststück in den Mund und lacht. Aber sie lacht nicht nett. Da ist kein Ausdruck in ihren Augen. Es wirkt dumm, nicht ehrlich.

Während ich mich über die eigentümlichen dunklen Flecken auf ihrer Bettwäsche wundere und das Kissen anhebe, blicke ich auf einen Stapel plattgelegener Zeitungsausschnitte. Ich nehme sie vorsichtig vom Bettlaken, lege sie auf die Fensterbank, nehme das fleckige Laken vom Bett, werfe es zu Boden und bespanne die Matratze mit einem blütenweißen Laken, was wahrscheinlich gar nicht blütenweiß war, sondern einfach nur heller als der Rest dort. Die Zeitungsartikel lege ich auf das Kopfende des Lakens und darauf das neu bezogene Kissen.

Sie lächelte. Zum ersten Mal seit ich sie kenne. Man siehts in ihren Augen, dass es ehrlich ist.

leave

Februar 25th, 2005

Wer den Ort verlassen will, an dem er lebt, der ist nicht glücklich.

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[aus: Milan Kundera - Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins]

gehetzt

Februar 24th, 2005

Beim Entlanggehen der Frankfurter Straße dachte ich an den letzten Sommer. Daran, wie ich in einem irrsinnigen Tempo Tag für Tag von der Uni nach Hause gelaufen bin. Ich wollte nur noch weg. Ich wollte nicht einmal einen Bus nehmen, in dem vermutlich Mitstudierende sitzen. Ich wollte einfach nur weg von dort und so wenig wie möglich mitnehmen.
Seltsamerweise wird mir das erst heute klar.

 

Der Weg

Februar 24th, 2005

Warum auch immer, ich nahm einen anderen Weg. Einen anderen Weg, als die anderen, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt bei mir waren. Ich habe vergessen, wer sie waren.
Ich musste aus irgendeinem bestimmten Grund einen anderen Weg als sie nehmen. Ich wusste selber nicht welchen. Ich war hier aber schon einmal. Das Dorf kenne ich. Aber irgendwie ist es anders als sonst. Ich bin diese Straße schon ewig nicht mehr lang gelaufen. Gibt es sie wirklich? Ich kann mich erinnern, wie ich vor vielen Jahren mit ihr dort langgefahren bin. Mit unseren alten Fahrrädern. Die Straße war noch nicht befestigt, die Sonne brannte und der Sand auf der Straße bildete Staubwolken. Der Konsum, der sich an dieser Straße befand, war zu jener Zeit noch geöffnet. Mann konnte seine Fahrräder dort an die weiße, teils abgeblätterte Wand stellen. Davor waren viele hochgewachsene Pflanzen. Unkraut.
Diesen Weg nahm ich erneut. Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen. Ich bin oft daran vorbei gefahren, aber er ist mir nie aufgefallen. Gibt es den Weg denn noch?
Ich nahm ihn, obwohl ich vorher hätte abbiegen können, aber aus irgendeinen Grund, aus einer Idee heraus, die ich jetzt nicht mehr weiß, ging ich den Weg, den es vielleicht nur in meinen Erinnerungen gibt, entlang.
Ein weiterer unscheinbarer Weg im Grünen führte mich ans Wasser. An ein mit Steinen gesäumtes Ufer. Ich lief dort entlang; es war warm. Ich fühlte mich beobachtet. Ich war nicht mehr alleine. Im Wasser – da war etwas. Ich sah die Wellen sich an einer Stelle nahe des Randes kreisförmig bewegen. Ich lief mittlerweile im flachen Wasser. Im Wasser sah es aus, als sei gerade etwas abgetaucht. Ich verließ es und begab mich wieder auf das steinige Ufer, drehte mich um und sah ein Tier. Zuerst dachte ich, es sei ein kleiner Belugawal, dann vermutete ich einen Delfin und fühlte mich außerhalb des Gewässers sicher. Es schien mich weiter zu verfolgen. Es kam immer näher ans Ufer und als es dann schließlich auf den Steinen war, fühlte ich mich unsicherer denn je. Es war kein Wal, kein Delfin, sondern etwas anderes. Vielleicht ein Seehund. Es wirkte trotz seiner Schönheit bedrohlich. Ich konnte ihm nicht entrinnen. Es folgte mir auf Schritt und Tritt.
Ich kam in ein Haus. Ich stand in einer Küche. Alles ging ruhig und langsam zu – trotz der eigenartigen Bedrohung. Im Haus war jemand. Ich habe vergessen, wer er war. Er stellte sich wortlos vor mich. Wie ein Schutzschild. Das Tier verschwand ins Meer.

without

Februar 23rd, 2005

Niptus hololeucus

Februar 23rd, 2005

Ich überlegte gestern Abend – wie jeden Abend – im Bett, was ich denn heute machen soll. Mir fiel nichts ein, ich hatte nicht wirklich etwas vor, also beschloss ich kurzerhand Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins zu lesen, um mal endlich einen Anfang zu machen. Ich muss noch sehr viel lesen für zwei der Seminare, die ich belegen möchte. Belegen kann ich die aber nur, wenn ich die Lektüretests bestehe. So hab ich in den Ferien wenigstens etwas zu tun. Und dann auch noch etwas, was meistens Spaß macht.

Heute morgen dann aufgestanden, fotografiert, nach langem Gezetere telefoniert und schließlich mit Christian eine Hausverwaltung Marburgs aufgesucht, um nach 2-Zimmer-Wohnungen zu fragen. Wir waren letzte Woche schon einmal dort – erfolglos, mit Aussicht auf Angeboten. Heute waren wir da – wieder erfolglos -, haben im Warteraum neben vielen anderen Menschen gesessen, bis wir nach über einer Stunde warten dann endlich zu Frau H. durften. Vorher inspizierte ich den Warteraum mit seinen selbst gedruckten Plakaten an den Wänden, die scheinbar den Sohn von Frau H. zeigten. Plakate mit Werbung für seine CDs Oral total und handgemacht blieben mir im Gedächtnis haften.
Ich muss immer unweigerlich grinsen, wenn ich in Frau H.`s Büro komme. Ich weiß nicht wieso. Vielleicht liegt es an ihrem roten Pullover, ihrer roten Korallenkette, an dem großen Babyfoto an der Wand oder aber an ihrem überaus alten Computer. Ich weiß es nicht und bin froh, wenn ich nur in mich hinein grinse und Christian das Reden übernimmt.

Ich habe meinen Rucksack voll mit Klamotten gepackt. Mich juckt es überall. Ich hoffe, das ist nur psychisch. Wundern würde mich allerdings nicht, wenn das nicht ausschließlich auf die Psyche zurück zu führen ist.
Sie, die unter mir wohnt, stand draußen vor der Wohnung und rauchte und bevor ich aufschließen und im Haus verschwinden konnte, wurde ich aufgehalten. Hast du noch nicht die Käfer bemerkt? In der Lampe. Im Essen. In den Kleidern. Die Messingkäfer. Die waren schon dort, als der Peter noch da gewohnt hat. Hat man dir nichts gesagt? Bei mir war lange Ruhe, aber jetzt ist wieder alles voll mit den Viechern. Die sind klein und rund und braun. Lass bloß dein Essen nicht stehen. Die Vermieterin wollte ja eigentlich in deinem Zimmer den Boden rausreißen, weil der sehr löchrig ist und ich jeden Schritt höre, den du machst. Und wegen der Käfer. Und eigentlich sollten die Käfer auch mal bekämpft werden. Also bei mir war einmal der Kammerjäger, aber bei Peter nie. Ach und die Löcher in der Decke, die aussehen wie kleine Bohrmaschinenlöcher, da kommen die Messingkäfer raus.
Dann habe ich jetzt wohl neue Mitbewohner. Und nicht nur die freuen sich in meiner Wohnung, da gibt es noch andere neue und zwar im Küchenbereich an der Decke: Schimmel. Das mir das vorher noch nie aufgefallen ist. Aber ich könnte schwören, da war nix. Da war noch nie was. Wenn dann kommt ja immer alles auf einmal. Vielleicht freuen sich ja meine neuen Mitbewohner über den Schimmel, ich tu es nämlich nicht.
Ich werde die nächsten Tage bei Niels verbringen, vielleicht hörts dann zu jucken auf.

“Die Jüngste hat Theologie studiert und arbeitet jetzt bei OBI”

Februar 23rd, 2005

Ich muss manchmal daran denken, wie aus dem Bastelraum die Village People schallten. Wie er, der sich sonst als unnahbar und hart ausgibt, im Bastelraum sitzt und wild zu YMCA gestikuliert. Ich erlitt eine Art Schock als ich die Tür zum besagten Raum einen Spalt öffnete und das sah. Er war der letzte, den ich dort erwartet hätte.
Er war auch der schnellste Geher, den ich je kennenlernen durfte. Waren wir spazieren, so war er schon hundert Meter weiter vorn. Auf Rufen hin blieb er kurz stehen, ließ uns ein paar Schritte entgegen kommen und lief rasch weiter, als würde ihn etwas antreiben, was so weit gar nicht hergeholt ist. Vielleicht.
Ich muss manchmal daran denken, wie die Frau mit dem gelben Pullover mit geschlossenen Augen tanzte und wollte das Andere mit ihr tanzen. Wie sie, durch alles und jeden abgelenkt, bei Spaziergängen 100 Meter zurücklag. Wie man sie rief, sie nicht antwortete. Mit ihren Gedanken war sie ganz woanders. Vielleicht dachte sie an Schmuck, an Preisausschreiben, an ihren Mann, an die verwachsenen Fußnägel oder an Gott. Sie erzählte so viel. Er nichts.
Ich muss manchmal daran denken, wie sie in ihrer Lederjacke vor der Glastür stand. In einer Hand eine Tüte voll mit Katzenfutterdosen, um die Löwen zu füttern. Sie blieb nur kurz. Nur solange das Hirnleuchten aktiv und die Meteore über dem Haus waren. Nachdem sie dann gegangen war, wollte man sie nie wieder rein lassen.
Ich muss manchmal daran denken, wie die Frau mit den schwarzen Füßen einen irrsinnigen Schweißgeruch verbreitete und alles argwöhnisch beäugte. Wie sie den schweren Tisch nachts durch den Flur schob und wie ihr Zahnfleisch blutete, als sie sich die Zähne putzte.

frischer wind

Februar 22nd, 2005

Wann war ich das letzte Mal außerhalb der Wohnung? Freitag? Samstag? Ja, auf jeden Fall könnte ich mal wieder ein bisschen frische Luft vertragen. Und Bewegung.
Ich befinde mich – mit einigen Ausnahmemomenten – seit Tagen im Bett. Mit einem Laptop auf dem Schoß. Und in Gedanken bin ich bei den toten Tieren oder die, die es vielleicht bald sein werden. Ich habe meine Homepage nämlich neu gemacht. Da mir das Design noch zu leer ist, war ich schon drauf und dran Christians Vorschlag, den Inhalt der Seite (also das, was rechts steht) doch in eine Sprechblase zu packen, die aus dem Mund des Moas (das ist der Vogel links unter dem Menü) kommt, umzusetzen. Ich bezweifle nur, dass die Seite dann ihre Seriösität bewahrt (falls sie das denn je war). Und außerdem wollen wir das Thema auch nicht ins Lächerliche ziehen.

Wie gesagt, ich muss raus. Meine Haut löst sich von den Fingern. Ich schaffe nichts, was ich schaffen sollte. Und überhaupt: Frische Luft ist gesund. Andere auch.

winter in marburg

Februar 19th, 2005

 

 

 

Gelbes Elend

Februar 18th, 2005

Lang ist’s her.
Nachdem aus Geldmangel, Stolz und Faulheit meine Reise nach London ins Wasser gefallen ist, gedachte ich der wenigen Urlaube, die ich bisher verlebte.
Wenn ich heute das Wort Bautzen höre, das eine Stadt bezeichnet, denke ich im Allgemeinen nicht direkt an ein Gefängnis, sondern an den ersten richtigen Urlaub, an den ich mich erinnere. Ein Urlaub, in dem ich die erste Wassermelone aß, an die ich mich erinnere.
Das war damals mit meiner Tante und meinem Onkel, die eigentlich gar nicht wirklich Tante und Onkel sind, sondern viel eher Großtante und -onkel. An das Jahr kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nicht, ob das noch zu DDR-Zeiten war oder anschließend. Vielleicht war es auch so eine Art Umbruchphase.
Ich habe nur noch fragmentartige Bilder des Urlaubs im Kopf.
Ich denke da an den bräunlichen Trabant mit den dunklen Sitzen; ich saß auf der Rückbank. Mir war nicht ganz wohl zumute. So ganz ohne Eltern. Ein bisschen alleine fühlte ich mich. Die gelben Dominosteine mit den bunten Bildern drauf hatte ich dabei. Ein Stein rutschte in die Ritze der Rückbank, was mich ein bisschen traurig stimmte, aber jemanden um Hilfe gebeten habe ich auch nicht.
Die Fahrt kam mir sehr lang vor. Überhaupt kamen mir damals alle Autofahrten unheimlich lang vor. Die eine Pause, welche wir einlegten, habe ich noch genau vor Augen. Da stand sie in ihrem bunten Rock und der Bluse, die in den Rock gesteckt war, und gab mir ein großes Stück Wassermelone. Ich war beeindruckt von dem Geschmack. Nie hatte ich bisher so etwas gutes gegessen. Ich glaube, das werde ich nie vergessen.

Der heutige Tag war bescheiden schön. Hätte ich nicht das Vergnügen gehabt, eine Wohnungsbesichtigung durchzuführen, von einer Wohnung, die wir sowieso nicht bekommen – zumindest nicht nachdem ich da ohne WG-Partner, der es vorzog 19 Uhr noch immer im Bett zu verweilen, auftauchte. Und meine typisch desinteressiert erscheinende und wortkarge Haltung trugen ihr übriges dazu bei, vom momentanen Mieter nicht als Nachmieter gekührt zu werden.

Es brechen wieder die Tage an, an denen ich den Großteil meiner Zeit im Bett liege. Zumindest habe ich das im Gefühl.

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